Dr. M. Bösch & Dr. M. Thalmann
Schützehüsliweg 5
CH - 8222 Beringen
Tel 052 685 19 25 / Fax 052 685 36 10
   
wer sind wir ?
wo sind wir ?
wann sind wir da ?
wie sind wir erreichbar?
weitere Informationen

überarbeitet am 12.1.2006

Der frühere Beringer Dorfarzt Dr. Christian Seelhofer berichtet von seiner Arbeit und aus seinem Alltag in Zimbabwe

Afrika mit Zukunftsperspektiven?

Unterdessen ist Weihnachten und Neujahr vorbei. Beides sind keine Feste, die hier gross gefeiert werden. Die Leute hier leben nicht mit dem Kalender, sondern mit der Natur. Es ist Regenzeit oder Trockenzeit. Für sie spielt es keine Rolle, ob es 2005 oder 2006 ist. Viele Leute wissen auch nicht, wie alt sie sind. Sie sind Kinder, junge Erwachsene, Mütter oder Grossmütter. Wie alt? Vielleicht 40, aber vielleicht auch 50. Jetzt haben wir Regenzeit und es ist jetzt seit einem Monat sehr viel Regen gefallen und die Leute sind zufrieden. Sie arbeiten tagtäglich auf den Feldern und pflegen ihr kleines Äckerlein. Nach der Dürre im letzten Jahr hoffen nun alle, dass der gute Beginn der Regenzeit eine gute Ernte verspricht. Die Leute sind fröhlicher und zuversichtlicher.

Ein grosses Problem ist die Schule. Im letzten Jahr betrug die Teuerung landesweit erneut etwa 1000 Prozent. Nun werden für dieses Jahr die Schulgelder massiv erhöht. Die Erhöhungen wurden nun so angesetzt, dass die Teuerung des nächsten Jahres nicht wieder alles zunichte macht. So betrug das Schulgeld für einen Drittklässler im letzten Jahr 300000 Zimbabweandollars, für das nächste Jahr nun beträgt der Betrag 6 Millionen, also ungefähr das 20-fache. Zum Vergleich: der Lohn einer Krankenschwester beträgt im Moment ungefähr 3,5 Mio pro Monat. Zwar soll auch der Lohn der Angestellten in diesem Januar um 300 Prozent angehoben werden, aber es ist jetzt schon klar, dass diese Erhöhung nicht mit der Teuerung Schritt halten kann. So wird sich die Tendenz fortsetzen, dass im nächsten Jahr noch weniger Kinder in die Schule gehen können. In unserer armen Gegend werden kaum mehr als 50 Prozent der Kinder mehr als drei Schuljahre haben.

Die fehlenden Zukunftsperspektiven machen mir zusehends zu schaffen. Ich habe Land und Leute hier sehr gem. Nach vier Jahren hofft man jedoch auf kleine Verbesserungen. Warum ist die Stromversorgung schlechter als zu Beginn? Warum ist die Nahrungsmittelversorgung für die armen Leute schlechter als zuvor? Warum können immer weniger Kinder in die Schule gehen? Warum werden die Leute nicht etwas sensibler auf die korrupte, selbstherrliche Regierung in Harare? Warum ist der Afrikaner nur ein Mann, wenn er Bier trinkt, bis er nicht mehr weiss, was er macht? Warum ist der Afrikaner nur ein Mann, wenn er Vielweiberei betreibt und fröhlich die Volksseuche Aids weiterträgt? Warum ist die Afrikanerin nicht selbstbewusster und wehrt sich nicht gegen die oft frauenverachtende Behandlung der Männer? Die frühere afrikanische Kultur, stark auf verwandtschaftlichen Strukturen aufbauend, wird durch zivilisatorischen Einfluss und auch durch die durch AIDS zerstörten Familienstrukturen zusehends zurückgedrängt und nicht unbedingt durch etwas Positiveres ersetzt.

Das alles tönt jetzt doch recht pessimistisch. Es gibt jedoch auch viel Positives zu sehen. Hier auf dem Lande gibt es die starken Familienbindungen immer noch. Ich staune immer wieder, wie eine Grossmutter ihre elf elternlosen Enkel einfach akzeptiert und das Beste daraus macht, obwohl sie fast nichts zum Überleben hat. Und das ist nicht ein Einzelfall. Ich staune immer wieder, wie die Kranken ihre hoffnungslose Diagnose Aids einfach akzeptieren, als Schicksal annehmen, niemandem die Schuld in die Schuhe schieben und trotzdem dem Leben noch das versuchen abzugewinnen, was es noch herzugeben vermag. Da wird nicht des längsten mit den Nachbarn über das eigene Kranksein, das fehlende Bein, das chronische Siechtum etc. diskutiert. Ganz normal ist auch bei ihnen das Wetter, die Ernte, die Verwandtschaft und der allgemeine Dorfklatsch das Hauptthema. Da könnten wir noch viel von ihnen lernen. Der Mensch ist ein Teil des Systems und das eigene Ich nicht immer der zentralste Punkt.

© Dr. Chr. Seelhofer, 10. Jan. 2005