Dr. M. Bösch & Dr. M. Thalmann
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überarbeitet am 25.1.2007

Der frühere Beringer Dorfarzt Dr. Christian Seelhofer berichtet von seiner Arbeit und aus seinem Alltag in Zimbabwe

Heute wurde meine Standfestigkeit wieder recht stark geprüft. Bei der Krankenvisite auf der Abteilung fand ich ein Bett leer. Die junge Frau - 21 Jahre alt — lag anstelle im Bett, darunter. Sie muss einmal sehr hübsch gewesen sein, jetzt nur noch Haut und Knochen, laut Krankenblatt noch 28 kg. Ihre Umgebung war mit Stuhl und Urin verschmutzt. Teilweise lag sie im Erbrochenen. Sie hat am Abend ein traditionelles Mittel geschluckt, damit sie in der Nacht sterben konnte und ihrer hoffnungslosen Existenz ein Ende machen konnte. Ihre grossen leeren Augen zeugten noch vom Kampf. Kein friedlicher Ausdruck, wie wir es doch so gern sehen. Zurück bleibt ein drei Monate altes Kleinkind, das Resultat einer gescheiterten Ehe. Vorherige Gespräche zeigten eine schwere Kindheit, ein schlagender Ehemann, ein dreijähriges Siechtum infolge AIDS.

War das ein Leben? Ein lebenswertes? Was macht überhaupt ein solches aus? Ist mein Leben lebenswerter als das dieser armen Kreatur? Was ist ein Mensch? Viele solche und andere Fragen tauchen auf, wenn man so ein verendetes Häufchen Mensch am Boden liegen sieht.

Habe ich gelebt, wenn ich mir ein schönes Auto, einen Fernseher, ein eigenes Haus leisten konnte? Was ist dann mit diesen drei Vierteln der Menschheit, die sich diesen Luxus nicht leisten können. Soll man wie Emesto Che Guevara in Afrika und Amerika oder Robert Mugabe in Zimbabwe mit Gewalt den Ausgleich suchen? Ich glaube, sie, wie auch andere, sind an der Realität gescheitert. Allerdings haben sie den eigenen Leuten wieder Stolz und Würde verschafft, allerdings auf Kosten von Lebensqualität Was ist schlechter ertragbar: Geächtet sein oder Hunger haben? Wie ist es mit der Religion? Ist der Glaube an ein besseres Leben nach dem Tode ein Trost für das traurige Dasein eines ewig hungrigen, ewig geknechteten Menschen? Ja, vielleicht brauchen viele Menschen dieses Opium, damit sie die Gegenwart überhaupt ertragen können, aber ist dies die Antwort? Ist es die Familie? Die Freundschaft? Die Arbeit? Aber wie ist es mit diesen vielen ohne richtige Familie, ohne eigentliche Freunde, ohne Arbeit? Sie leben doch auch.

Im tiefen Afrika, mit dem elementaren, dürftigen, hungernden, todesnahen, fröhlichen, natürlichen Leben, hat man wenig Möglichkeiten, diesen Fragen mittels allerlei Ablenkungen aus dem Wege zu gehen. Es bringt einen öfters ins Studieren. Eine Antwort auf solche Fragen zu finden ist jedoch schwer. Gibt es darauf überhaupt eine Antwort? Manchmal wäre es schön, man könnte diese Fragen mit jemandem diskutieren. Ich versuchte dies auch schon mit Einheimischen. Sie aber verstehen meine Frage nicht. Diese Frau hat doch gelebt. Sie war hier. Dasein ist Leben. Was meinst du mit dem Sinn des Lebens. Ich verstehe das nicht. Vielleicht haben sie recht. Was sollen diese Fragen. Man lebt und jedem ist ein Rucksack mitgegeben worden. Es ist wahr, viele haben diesen nicht gefüllt mitbekommen. Aber haben wir wenigstens das Beste aus dem gemacht, was mitgegeben wurde? Ist das ein Sinn des Lebens?

© Dr. Chr. Seelhofer, Dez. 2006