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überarbeitet am 10.9.2005

Der frühere Beringer Dorfarzt Dr. Christian Seelhofer berichtet von seiner Arbeit und aus seinem Alltag in Zimbabwe

Lovemore

Die Tage in Musiso werden wieder etwas länger und wärmer. Der Winter scheint vorüber zu sein. Es war ein lauer Winter. Die Temperaturen fielen tagsüber kaum einmal unter 20 Grad. Es ist aber auch enorm trocken. Dieses Jahr ist noch kein richtiger Regen gefallen. Das Land ist staubig und dürr.

Lovemore ist zurückgekehrt. Im Alter von 20 Jahren ist er vor 6 Jahren ausgezogen, um in Harare Geld zu verdienen. Es war eine harte Lehre. Ohne Geld, ohne Verwandte, musste er anfangs in Harare auf der Strasse leben, Schicksalsgenosse von zehntausenden von Leidensgenossen. Er lebte von Abfällen und kleinen Diebstählen. Dann erhielt er eine Chance und bekam einen Job in einem Warenhaus. Mit seinem kleinen Lohn konnte er sich jetzt ein Zimmer leisten, das er mit vier Kollegen, vielen Kakerlaken, Spinnen, Ratten und Mäusen bewohnte. Wenigstens hatte er eine Bleibe. Auch lernte er von einem Kollegen, Korbstühle zu flechten. Diese verkaufte er am Strassenrand. Durch sein Geschick konnte er damit gut leben. Auch lernte er eine liebe Freundin kennen. Dass sie HIV-positiv war, wussten sie erst später, als es schon zu spät war. Trotzdem hatten sie es sehr gut miteinander. Seit einem Jahr waren beide auch in der Aids-Klinik des Schweizers Ruedi Lüthy in Harare in Behandlung. Seither ging es beiden auch gesundheitlich wieder viel besser. Sie nahmen an Gewicht zu, waren nicht mehr so viel krank und fühlten sich wieder fit. So wäre das Leben weiter gegangen - wenn ...

Der Regierung von Zimbabwe waren die Strassenverkäufer ein Dom im Auge. Was mir als afrikanisches buntes Treiben am Strassenrand so sehr gefiehl, störte anscheinend das Bild von einer geordneten Gesellschaft. Auch machten viele Läden und somit wichtige Geschäftsleute dadurch weniger Einnahmen. Natürlich waren unter den Strassenhändlem viele Kleindealer und vielleicht auch etwas Kleinkriminalität. So kam es, dass die Regierung vor kurzem eine «Clean up»-Aktion startete. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion sammelten Tausende von Polizisten und Soldaten die Strassen-händler ein. An einem einzigen Tag wurden allein in Harare mehrere zehntausend Leute zusammengetrieben. Die kleinen wackeligen Verkaufsbuden am Strassenrand wurden samt Inhalt niedergebrannt. Unterkünfte, die nicht legal gebaut wurden, so auch diejenige in der Lovemore wohnte, mussten geräumt werden. Den Bewohnern wurde eine Stunde Zeit gegeben, um ihre wichtigste Habe aus dem Haus zu schaffen, dann wurden Bulldozer aufgefahren und alle Hütten und Häuser niedergewalzt. Die Leute wurden in Busse und auf Lastwagen geladen. Ein Teil davon wurde in ein grosses, bewachtes Zelt-Lager weit auf dem Land gefahren, andere wurden einfach einige 100 km aufs Land gefahren und dort abgeladen und sich selbst überlassen. Geld für eine Fahrt zurück hatten sie keines. Auch wurde ihnen Gefängnis angedroht bei Rückkehr in die Stadt. Wo sollten sie nun hin? Die meisten hatten keine Familie mehr, wo sie unterschlüpfen konnten. Den meisten blieb nur Hunger, Ausgestossensein, Vagabundenleben und Tod.

Lovemore gehört zu den Glücklichen. Er konnte sich zusammen mit seiner Freundin irgendwie in unsere Region, in seine Heimatregion durchschlagen. Hier hat er zwar keine Wurzeln mehr, aber er kennt doch einige Leute, die ihn wenigstens etwas verpflegen, bis er irgendwo eine kleine Bleibe gefunden hat. Auch ist er glücklich, dass wir hier in Musiso seine Aidstherapie weiterführen können. Der Unterbruch mit den Medikamenten war nicht allzulang, so dass wir hoffen, dass er immer noch auf die Medikamente anspricht. Nicht alle hatten ein so günstiges Schicksal wie Lovemore. Viele Aidskranke können ihre Therapie nicht mehr weiterführen und sind so dem baldigen Tod preisgegeben. So waren in der Aids-Klinik Lüthy in Harare etwa ein Viertel der Patienten von dieser Aktion betroffen und sind somit verloren. Ich kann Ruedi Lüthy begreifen, der völlig frustriert für einige Wochen in die Schweiz zurückkehren musste, um diesen Rückschlag zu verkraften. Es ist für uns unbegreiflich, was in einem diktatorischen Staat die Regierung sich alles leisten kann, ohne im geringsten in ihren Grundfesten zu wanken. Im regierungstreuen Radio und Femsehen wird ja aber auch tagtäglich hundert Mal betont, das alles geschehe nur zum Wohle aller Bürger - und so sieht es aus - viele Leute glauben das sogar noch.

© Dr. Chr. Seelhofer, 25. Aug. 2005