Dr. M. Bösch & Dr. M. Thalmann
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überarbeitet am 27.1.2005

Der frühere Beringer Dorfarzt Dr. Christian Seelhofer berichtet von seiner Arbeit und aus seinem Alltag in Zimbabwe

Aids-Therapie zum vierten

Im Januar dieses Jahres bekamen wir die Meldung, dass das Bundesamt für Entwicklung in Bern (DEZA) nun doch unser Aidsprogramm in Musiso unterstützen möchte. Wir waren überaus glücklich über diesen Entscheid und machten uns sofort an die Vorbereitungen. Immer noch sind wir mittendrin, aber im April können wir unsere Aids-Therapie-Station eröffnen. Drei Krankenschwestern sind dort angestellt. Die Arbeit dort ist sehr zeitintensiv und ich möchte etwas darüber berichten.

Falls beim ankommenden Patienten kein zuverlässiger Aids-Test vorhanden ist, wird dieser zuerst vorgenommen, aber erst nach einem aufklärenden Gespräch. Ist der Test positiv, wird das Resultat eingehend besprochen. Will der Patient nun eine Aids-Therapie, wird ein Termin abgemacht. Während mindestens einer Stunde wird dabei erklärt, dass die Medikamente sehr regelmässig und lebenslang eingenommen werden müssen. Wir erwarten von ihm auch eine gesunde und verantwortungsvolle Lebensweise. Es wird eine Patientengeschichte aufgenommen und niedergeschrieben über seine familiäre, finanzielle und sexuelle Situation, es werden seine Krankheiten aufgeführt und bisherigen Behandlungen. Erst zwei Wochen später wird er wieder aufgeboten. Falls er weiterhin positiv auf eine Therapie eingestellt ist, wird dann eine medizinische Untersuchung inklusive Labor durchgeführt. Eine kleines Team entscheidet dann anschliessend, ob der Patient, falls er die medizinischen Kriterien erfüllt, auch sozial fähig ist, eine solche lange Therapie zuverlässig durchzuführen. Erst dann bei der nächsten Sitzung erhält er dann die Medikamente und muss nun anfänglich monatlich und später dreimonatlich für weitere Kontrollen erscheinen.

Dies scheint vielleichtein recht kompliziertes Verfahren zu sein. Es ist aber unbedingt notwendig aus folgenden Gründen. Wird die Therapie nicht zuverlässig durchgeführt, werden die Aids-Viren im Körper resistent für die Medikamente und sprechen nicht mehr darauf an. Es genügt schon, wenn der Kranke mehr als eine Tablette pro Woche ver-gisst! Diese resistenten Viren werden dann auf andere Leute übertragen und mit der Zeit nützt die Therapie der ganzen Bevölkerung nichts mehr. Das wäre dann eine immense Katastrophe für das Land. Dann gibt es noch einen zweiten, sehr schwierigen Punkt: die Kosten. Unser gesponsertes Geld reicht, um im ersten Jahr 100, später dann 300 Leute über lange Zeit behandeln zu können. Dies braucht ein Budget von ungefähr 200 000 sFr. pro Jahr, und das jedes Jahr über eine lange lange Zeit. Unsere Patienten haben kein Geld. Sie zahlen allein für die Konsultationen pro Mal etwa 25 Rappen und schon das ist für einige zuviel. Die Fahrtkosten ins Spital sind ebenfalls für viele unerschwinglich. Es muss deshalb ein spezieller Fonds für Mittellose geschaffen werden. In unserem Einzugsgebiet des Musiso-Hospitals von ungefähr 250000 Einwohnern sind etwa 75 000 HIV-positiv und davon vielleicht 25 000 therapierbar. Wie sollen nun aus diesen unsere 300 Leute aus-' gelesen werden? Im Umkreis von mehr als 100 km gibt es sonst keine andere Möglichkeit für eine Therapie. Wer ge-niesst Priorität? Mütter? Kinder? Familienversorgende Väter? Haben Singles eine Chance? Werden Leute, die Arbeit haben, bevorzugt? Was für eine Rolle spielt das Alter? Ein nicht sehr leichter Entscheid, auch für ein Team, obwohl wir dazu einen Prioritätenkatalog geschaffen haben.

Die Notwendigkeit und Einsicht, diese immense Seuche im Land zu bekämpfen, bevor eine ganze Generation ausradiert wird und eine Generation von Waisenkindern heranwächst, nimmt mit jedem Monat zu. Viele Organisationen erwachen nun und versuchen, sich in dieses Gebiet einzuarbeiten. Wir sind auch in Kontakt mit anderen privaten Hilfswerken, die zum Beispiel in unserem Bezirk dann mehr die Heimpflege dieser Schwerkranken, aber auch die Therapieführung zu Hause übernehmen. Auch soll versucht werden, die vielen Waisenkinder in ihren einheimischen Dörfern mit verschiedenen Massnahmen zu unterstützen, damit sie nicht als Stras-senkinder enden oder in einem schlecht geführten Heim zu asozialen Menschen heranwachsen. Ein grosses Problem ist immer noch der enorme Bürokratismus in diesem Land. In den Regierungsschichten ist die Einsicht noch nicht -durchgedrungen, dass man im Moment zusammenstehen muss, und eine schnelle Hilfe ohne Hindernisse nowendig wäre. Immer noch wird um Kompetenzen gerangelt. Grosse Organisationen wie zum Beispiel msf (medecin sans frontiere) haben deswegen schon das Handtuch geworfen und sind nicht mehr im Lande tätig. Aber für alle Verbliebenen ist es klar: Man muss irgendwo anfangen, auch wenn es nur ein Tropfen auf einen heissen Stein ist. Viele Tropfen kühlen dann vielleicht doch mit der Zeit.

© Dr. Chr. Seelhofer, März 2005