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überarbeitet am 20.8.2004

Der frühere Beringer Dorfarzt Dr. Christian Seelhofer berichtet von seiner Arbeit und aus seinem Alltag in Zimbabwe

Was geht uns Afrika an?

Afrika ist zwar ein schöner Kontinent. Ich war schon als Tourist in Kenia, super. Aber die Leute in Afrika sind arm. Sie sind selber schuld, sie sind faul und dumm. Sobald sie sich selber regieren, bringen sie sich ohnehin nur gegenseitig um. Dorthin schicke ich kein Geld, das bekommen sowieso nur einige reiche Gauner und was übrig bleibt, versickert irgendwo. Dies und mehr hört man in vielen Schweizer Stuben und an Stammtischen.

Ich glaube, dass wir in der schönen, reichen Schweiz leben dürfen, ist ein grosses Privileg. Niemand von uns hat seine Eltern ausgelesen und kann etwas dafür, dass er nicht als armes Negerkind, sondern als willkommener Schweizerbürger auf die Welt gekommen ist. Dies mit all den Vorteilen der gut geschützten Kindheit, der freien Schulbildung für Reiche und Arme, der guten Gesundheitsbetreuung und Vorsorge, der vielen Möglichkeiten der Berufsergreifung nach der Schule, der guten Arbeitsmöglichkeiten nach der Schule (Arbeitslosigkeit in Zimbabwe etwa 80-90%!), der guten Altersvorsorge. Ich meine, dieses enorme Vorrecht gibt uns auch eine gewisse Verpflichtung, nach den Menschen zu schauen, denen es nicht so gut geht.

Afrika ist arm. Wer ist arm? Laut WHO ist das die Menge der Leute, die weniger als einen US$ pro Tag verdienen. Das sind in Zimbabwe in ländlichen Gebieten über 70% der Leute! Viele davon haben nicht jeden Tag genügend zu essen. Oder sind das die Leute, die nicht Zugriff haben zu frischem Wasser und -wie es in unseren Krankengeschichten so schön heisst — die Buschtoilette benützen (in unserem Distrikt ungefähr ca 70 % der Leute)? Sind das die Leute, die kein Geld haben, sich in einem Spital behandeln zu lassen (Tendenz massiv steigend)? Sind das die Kinder, die trotz Interesse und Intelligenz nicht in die Schule gehen können, weil die Eltern das Schulgeld nicht aufbringen können (auch ein steigender grosser Prozentsatz)? Sind das die Obdachlosen in der Stadt? Die Landlosen auf dem Land? Sind das diejenigen, die ihre Rechte nicht kennen und der Willkür der Mächtigen ausgeliefert sind? ;
Warum ist Afrika arm? Die Gründe sind so vielfältig, dass man kaum allen gerecht werden kann. Auch wir sind schuld. Durch massive Kredite von Weltbank und westlichen Ländern sind viele afrikanische Länder so verschuldet, dass über 50 % der Einnahmen des Landes für Rückzahlungen und Zinsen aufgebracht werden müssten. Man stelle sich das einmal vor in der Schweiz, wie es hier aussehen würde, wenn 50 % des Staatsbudget schon von vorherein ins Ausland fliessen würden. Zimbabwe zahlt fünfmal mehr für Zinsen an ausländischen Krediten als für das nationale Gesundheitswesen. Es gibt kein einziges Land in Afrika, wo die westliche Welt nicht mehr Geld herausholt als hineinsteckt.

Aber natürlich sind die Leute auch selber schuld daran. Die ländliche afrikanische Bevölkerung ist seit langem sehr arm. Sie ist desillusioniert. Die Leute werden träge und misstrauisch. Sie zweifeln, dass persönliche Anstrengung auch Verbesserungen bringen wird. Sie leben von der Hand in den Mund. Solange sie noch etwas haben, sehen sie keine Notwendigkeit, vorzusorgen. In der Schweiz bezeichnet man das als Faulheit. Aber wenn man die Leute auf den Feldern arbeiten sieht, merkt man, sie sind nicht faul, es fehlt ihnen an Perspektiven. Ob dies damit zusammenhängt, dass die Leute nicht gelernt haben vorauszuschauen, zu sparen? Wenn einmal etwas Geld übrigbleibt, wird das häufig gebraucht, um etwas völlig Unnötiges zu kaufen. Sie geben zum Beispiel ihr letztes Geld aus, um ein Cola zu kaufen, auch wenn daneben ein Hahnen mit frischem Wasser läuft. Auch spielt der Alkohol ein böses Spiel. Viele Leute verstehen das Brauen von Bier. Aus Bananen, Mangos und anderen Früchten wird dann das hauseigene Bier gebraut, tagelang getrunken und nichts gearbeitet. Auch alte Traditionen spielen eine Rolle. Der Mann, früher zum Jagen und Kriegen unterwegs, fühlt sich über gewöhnliche Arbeit erhaben. Für das hat man ja die Frau (oder Frauen) und Kinder. Ein Einfügenmüssen in eine andere Rolle ertränkt man dann oft im Alkohol. Was heute auch eine grosse Rolle spielt, ist die AIDS-Erkrankung. Die erfasst ja vor allem die aktive Bevölkerung. Es sterben die Leute zwischen 20 und 40, häufig nach einem jahrelangem Siechtum. Darunter sind viele Leute auch aus verdienenden Kreisen. Die AIDS-Rate unter Geschäftsleuten, Lehrern, Priestern und Politikern ist erschreckend hoch.

© Dr. Chr. Seelhofer, Aug. 2004