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überarbeitet am 13.11.2008

Der frühere Beringer Dorfarzt Dr. Christian Seelhofer berichtet von seiner Arbeit und aus seinem Alltag in Zimbabwe

Nebengeräusche der Wahl

Wieder bin ich zurück in Zimbabwe und lasse eben doch etwas Heimat zurück. Ich denke an viele schöne Besuche und das Gemessen der schönen langen Abende auf der Veranda. Einige Vorträge wurden anscheinend gut aufgenommen und ich möchte mich hiermit auch nochmals für die tollen Spenden bedanken, die ich nun in meiner Bauchtasche nach Zimbabwe hineingeschmuggelt habe. Es wird wieder für einiges reichen in Silveira.

Hier tickt die Uhr wieder anders. Sogar in Harare sind die Läden immer noch mehr als leer. Wer etwas haben will, geht an bestimmte Orte, wo auf dem Schwarzmarkt fast alles erhältlich ist, aber nur gegen US-Dollars. Es ist ja auch nicht erstaunlich. Der Wert eines USD hat sich in meinen vier Wochen Abwesenheit von 2 Billionen auf 25 Billionen Zimbabwe Dollars verändert. Niemand will mehr die 50 Millionen Noten haben. Sie liegen manchmal schon auf der Strasse und niemand findet es den Wert, sie aufzuheben. Ein Ei, das ich heute auf der Strasse gekauft habe, kostet 10 Billionen Zim-Dollar. Für meinen nicht geraden fürstlichen Einkauf in einem Laden, für den ich in der Schweiz vielleicht 50 Fr. hingelegt hätte, bezahlte ich über eine Trillion Zim-Dollars. An der Kasse standen drei Leute, die das Geld zählten und dann versorgten. Das Zahlen brauchte länger als der eigentliche Einkauf.

Die 400 km lange Autofahrt von Harare nach Silveira verlief problemlos. Die Polizeiblockaden an verschiedenen Orten waren harmlos. Als Reste der vorausgehenden Gewalt sah man vereinzelt etwas abgefackelte Hütten. Immer wieder mal Jugendliche, die in Mugabe Manier die Faust gegen den weissen Fahrer erhoben. Viele Leute tragen nun ein Leibchen mit Mugabe-Bild - nicht weil sie die Regierungspartei gerne haben, sondern weil sie so von den Angriffen der «War Veterans» besser geschützt sind. Ein einziges Mal musste ich aussteigen und unter Waffendrohung niederknien und die Faust in Mugabe-Manier gegen den Himmel stossen, um die Solidarität mit der Regierungspartei zu demonstrieren. Dann waren sie wieder sehr freundlich und liessen uns ziehen.

Die Leute sind enttäuscht über den Wahlausgang. Sie sind ruhig und warten. Auf was? Gewalt gibt es nur noch wenig. Die Opposition hat sich ja nach dem Tod von über 200 Mitgliedern, von über 200 000 Vertriebenen und Verletzten und 20000 abgebrannten Häusern und Hütten, vernünftigerweise von den zweiten Wahlen zurückgezogen und hofft nun auf Hilfe aus dem Ausland. Aber wer will sich schon an einem solchen armen Land ohne massive Bodenschätze die Finger verbrennen?

Es gibt keinen Terror mehr auf dem Land. Aber wir hier im Silveira-Spital behandeln jedoch immer noch diejenigen Opfer der Wahlen, die nicht gestorben sind. Täglich mussten hier viele Brüche geschient und Wunden genäht werden. Zwei Leuten müssen noch die Armstümpfe versorgt werden, man hat ihnen die Hände abgehackt. Da ihnen verboten worden war, ins Spital zu gehen, kamen sie erst spät. Zwei Frauen wurden so aufs Gesäss geschlagen, dass Haut und Muskulatur bis auf die Knochen grossflächig abgestorben sind. Wir versuchen nun, die Wunden einigermassen so zu präparieren, damit eine Deckung der Wunde wieder möglich sein wird. Aber alle diese Leute werden das Leben lang gezeichnet sein, nicht nur körperlich, sondern auch von den psychischen Folgen.

Sonst aber geht das Leben hier weiter, wie wenn es keine Wahlen gegeben hätte. Die Leute machen ihre gewohnte Arbeit, sie klagen weiter über die niederen Löhne und die hohen Preise. Eine Krankenschwester kann mit ihrem jetzigen Monatslohn gerade mal zwei Liter Öl für ihren täglichen Maisbrei kaufen, dann ist ihr Lohn aufgebraucht. Immer mehr Leute klagen über mehr Hunger. Viele können sich nur noch eine Mahlzeit im Tag leisten. Die weitere Misere ist vorausgeplant und der erhoffte Wechsel ist ausgeblieben. Schon haben mir einige mir gut bekannten Leute zu verstehen gegeben, dass sie in nächster Zeit schwarz über die Grenze gehen wollen, dort Arbeit suchen und so ihre Familie vor Hunger bewahren wollen. Ich glaube, es ist wirklich für viele Familien die einzige Möglichkeit.

© Dr. Chr. Seelhofer, 5. Aug. 2008